Antworten auf Salafismus

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Häufige Fragen

Salafismus: gut zu wissen!

Salafismus in Bayern

Beratung & Hilfestellung

Extremismus & Deradikalisierung

Für Lehrkräfte und Fachkräfte

Salafisten in Gefängnissen


Häufige Fragen

Salafismus: was ist das eigentlich?

In Deutschland und weltweit ist der Salafismus die aktivste und dynamischste islamistische Bewegung. Salafisten orientieren sich kompromisslos an der islamischen Frühzeit vor 1.400 Jahren und wollen in Deutschland frühislamische Herrschafts- und Gesellschaftsformen einführen. Von Salafisten geht eine besondere Gefährdung für die Sicherheit Deutschlands aus. Fast alle bisher in Deutschland identifizierten terroristischen Netzwerkstrukturen und Einzelpersonen waren salafistisch geprägt bzw. haben sich in salafistischen Milieus entwickelt.

Sind Salafisten gefährlich?

Anhänger des Jihad-Salafismus, sogenannte jihadistische Salafisten befürworten eine unmittelbare und sofortige Gewaltanwendung. Auch wenn sogenannte politische Salafisten dagegen keine direkte Gewalt zur Verwirklichung ihrer Ziele einsetzen, so stützen sich doch alle Salafisten auf dieselben ideologischen Autoritäten und Vordenker und verfolgen die gleichen Ziele.
Gerade der politische Salafismus bietet durch seine radikalisierende Wirkung immer wieder den Nährboden für Hass und Gewalt. So waren z. B. fast alle bisher identifizierten terroristischen Netzwerkstrukturen und Einzelpersonen in Deutschland salafistisch geprägt oder haben sich in salafistischen Milieus entwickelt.

Was hat Salafismus mit Terrorismus zu tun? Und sind alle Salafisten auch Terroristen?

Der Salafismus ist keine einheitliche Bewegung und nicht jeder Salafist ist ein Terrorist. In Deutschland sind zwei Strömungen des Salafismus zu unterscheiden: Die sogenannten politischen Salafisten verzichten auf die Ausübung direkter Gewalt, um ihre Ziele zu verwirklichen. Anhänger des Jihad-Salafismus, sogenannte jihadistische Salafisten, befürworten dagegen eine unmittelbare und sofortige Gewaltanwendung.
In Deutschland sind überwiegend politische Salafisten aktiv. Allerdings sind fast alle hier bisher identifizierten terroristischen Netzwerkstrukturen und Einzelpersonen salafistisch geprägt oder haben sich in salafistischen Milieus entwickelt. Der Salafismus kann daher als ideologischer Nährboden für Radikalisierung und islamistischen Terrorismus bezeichnet werden.

Ist der Salafismus auch dann gefährlich, wenn er keine Gewalt anwendet?

Der Salafismus gefährdet die Prinzipien des demokratischen Zusammenlebens. Die Vielfalt der Lebensstile, Pluralismus und Ambivalenzen, Toleranz und freie Meinungsbildung – diese und viele weitere Grundelemente demokratischen Zusammenlebens sind mit dem Salafismus unvereinbar.

Woran erkenne ich salafistische Websites?

Salafistische Websites sind für einen Laien auf den ersten Blick nicht als solche erkennbar. Die Betreiber dieser Online-Angebote nutzen allgemeine islamische Themen und Symbolik (Moscheen- und Naturbilder etc.). Der Einstieg in das Thema Salafismus erfolgt also oft über den Türöffner „Islam". Eine Google-Suche mit dem Stichwort „Islam“ kann im Ergebnis zu salafistischen Internetseiten an prominenter Stelle führen.

Ist man für typische salafistische Themen sensibilisiert und hinterfragt die entsprechenden Internetauftritte kritisch, ist eine Zuordnung zum Salafismus möglich – und zwar aufgrund der Inhalte, Links zu anderen Websites oder Webpräsenzen von prominenten salafistischen Predigern, Gelehrten und Akteuren. Außerdem können Links zu Naschids oder salafistischen (zum Teil auch verbotenen!) Organisationen auf salafistische Websites hinweisen.

Warum schließen sich so viele junge Menschen dem IS an?

Der Salafismus bietet Jugendlichen eine vermeintlich klare Orientierung. Er setzt der Komplexität und Unübersichtlichkeit der modernen Welt eine Schwarz-Weiß-Sicht gegenüber. Von individuellen Entscheidungen wird der junge Mensch durch eine Vielzahl von Verboten und Geboten entlastet. Eine salafistische Lebensführung grenzt sich zudem klar von der Gesellschaft ab und erzeugt bei dieser Aufmerksamkeit und Angst. Das kann für Jugendliche attraktiv sein, die gegen den Mainstream rebellieren und sich gegen die Welt ihrer Elterngeneration stellen wollen.
Junge Menschen sind die Hauptzielgruppe islamistischer Internetpropaganda und Rekrutierungsaktivitäten. Auch die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) orientiert sich mit ihrer jihadistischen Propaganda verstärkt an Kindern und Jugendlichen. In einer für Heranwachsende attraktiven Form wird der angebliche „Glaubenskrieg“ der Islamisten als aufregendes Abenteuer angepriesen, das Männlichkeit, Mut und Hingabe zum Ausdruck bringt.

Erkennt man eine Radikalisierung durch äußerliche Veränderungen?

Bestimmte äußerliche Veränderungen wie ein striktes Einhalten von Gebetszeiten, islamischen Speisegeboten und speziellen Kleidungsvorschriften müssen nicht zwangsläufig auf eine Radikalisierung hindeuten. Sie können auch eine nicht-extremistische Besinnung auf religiöse Werte oder eine besonders fromme Religionsausübung bedeuten. Entscheidend für das Erkennen von Radikalisierungsprozessen ist eine sorgfältige Betrachtung und Würdigung aller Äußerungen und Verhaltensweisen der Person oder Gruppe.
Grundsätzlich gilt aber:

  • Je mehr Auffälligkeiten zusammen auftreten,
  • je deutlicher sie erkennbar sind und
  • je stärker sich aktuelle Verhaltensweisen einer Person oder Gruppe ändern,

desto mehr Aufmerksamkeit und Beobachtung ist nötig. Zudem raten wir dann zur Kontaktaufnahme zu unseren Beratungsstellen oder zur Polizei bzw. zum Verfassungsschutz.


Salafismus: gut zu wissen!

„Allahu Akbar!“ – was bedeutet das eigentlich?

Der gängige religiöse arabische Ausdruck „Allahu Akbar“ (Takbir) bedeutet „Gott ist am größten“. Er ist zu Beginn der täglichen Pflichtgebete zu sprechen und wird während des Gebets wiederholt. Auch Muslime wenden ihn alltäglich zu verschiedenen Anlässen an und drücken dadurch verschiedene Emotionen aus.
Im islamistischen Kontext dient der Ausruf der Selbstvergewisserung als Gruppe, der Ermutigung und Motivierung, der Machtdemonstration und auch als Schlachtruf.
Auch wenn das Takbir wegen seiner Verwendung durch Islamisten und seiner Medienpräsenz im Zusammenhang mit Islamismus oft mit diesem Thema genannt wird, muss betont werden: Der Ausruf „Allahu Akbar“ hat keine explizit islamistische Bedeutung.

Was ist „home grown“-Terrorismus?

Der Begriff „home grown-terrorists“ beschreibt Täter, die in Ländern mit westlicher Staats- und Gesellschaftsverfassung geboren sind oder sich seit der Kindheit dort aufhalten – also dort sozialisiert wurden. Auch wenn sie integriert sind, wenden sie sich in ihrer weiteren Entwicklung radikalem islamistischem Gedankengut zu und verüben gegebenenfalls aus dieser Motivation heraus Terror-Attentate. Also kann dieser Begriff sowohl Personen mit Migrationshintergrund als auch sich zum Islam bekennende Konvertiten meinen.

Ist eine Konversion zum Islam als Hinweis auf eine Radikalisierung zu werten?

Nein! Eine Konversion zum Islam allein ist kein Anzeichen für eine Radikalisierung. Allerdings fühlen sich manche Konvertiten dem Druck ausgesetzt, sich als gute Muslime zu beweisen. Sie entwickeln dadurch einen besonderen Eifer, der sie anfällig für eine Radikalisierung durch Salafisten macht.
Salafistische Prediger versuchen, junge Menschen, die bislang keiner bzw. anderen Religionen angehörten, unmittelbar von der Konversion in einen salafistisch orientierten Islam zu überzeugen.

Warum interessieren sich Salafisten für Flüchtlinge?

Islamisten wollen durch soziale Unterstützung eine Vertrauensbasis schaffen, dabei geht es ihnen jedoch nur vordergründig darum, den Flüchtlingen zu helfen. Das geschaffene Vertrauen können sie dann dazu missbrauchen, um ihre extremistische, integrationsfeindliche Ideologie zu transportieren.
Langfristig sollen Flüchtlinge damit als Unterstützer oder Mitglieder gewonnen werden. Eine Gefahr besteht insbesondere für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (PDF), die ohne Eltern oder Verwandte nach Deutschland gekommen sind und somit besonders nach sozialer Nähe suchen.
Mehrere islamistische Organisationen haben gezielt dazu aufgerufen, den Kontakt zu Flüchtlingen zu suchen, darunter sind auch salafistische Gruppierungen.

Warum unterscheiden Salafisten zwischen „Wir“ und „Die“?

Charakteristisch für islamistische Weltbilder ist das Denken in homogenen Gruppen: „Wir“ und „Die“ stehen sich hier vermeintlich unvereinbar gegenüber. Das äußert sich zum Beispiel in der Vorstellung, „der“ Westen sei materialistisch, individualistisch und stehe „den Muslim/innen“ feindselig gegenüber; aber auch in der Behauptung, es gebe nur einen Islam, der von allen Muslim/innen gleich zu denken und zu leben sei. Dieses einfache Weltbild ist auch die Grundlage für Verschwörungstheorien, die im salafistischen Denken eine wichtige Rolle spielen. Wie in anderen Ideologien, die eine eigene homogene Gemeinschaft überhöhen und andere abwerten, ist die Vorstellung einer zeitlosen Verschwörung der Anderen gegen die eigene Gemeinschaft auch für islamistische Weltbilder typisch. Aber Achtung: Affinität gegenüber Verschwörungstheorien ist unter Jugendlichen vergleichsweise stark verbreitet. Daraus sollte nicht auf deren islamistische Ideologisierung geschlossen werden. Quelle: ufuq.de >> Weitere Infos

Was hat Wahhabismus mit Salafismus zu tun?

Der Wahhabismus ist die einflussreichste ideologische Strömung innerhalb des Salafismus. Salafisten konstruieren ihre Ideologie aus Versatzstücken der Lehre besonders konservativer islamischer Denker. Sie orientieren sich heute vornehmlich an strengen und kompromisslosen Lehrmeinungen des Wahhabismus.
Beim Wahhabismus handelt es sich um eine Ideologie, die auf Muhammad Ibn Abd al-Wahab (1703–1792) zurückgeht und in Zentralarabien entstanden ist. Er fordert die Reinigung des Islam von späteren „Neuerungen“.


Salafismus in Bayern

Wie viele Salafisten gibt es in Bayern?

In Bayern gibt es derzeit ca. 650 Salafisten, von denen 20 Prozent dem gewaltorientierten Spektrum zuzuordnen sind.

Gibt es in Bayern salafistische Moscheen?

Mehrere Moscheen in Bayern sind Plattformen für salafistische Vortragsveranstaltungen und salafistischen Islam- und Koranunterricht: z. B die El-Salam-Moschee in München, die Masjid ibn Taymiyyah Moschee in Nürnberg, die Moschee des Islamischen Zentrums Weiden e. V. sowie die Al-Rahman-Moschee in Regenburg und die As-Salam-Moschee in Schwandorf. Hier treten – teilweise in regelmäßigen Abständen – Prediger auf, die ihr salafistisches Gedankengut verbreiten. Mehrfach sind bekannte salafistische Prediger wie Sven Lau und Pierre Vogel zudem bei der Islamischen Jugend Aschaffenburg aufgetreten.

Ist das Verteilen von Koranen in bayerischen Fußgängerzonen verboten?

Da die Verteilung des Korans durch die Glaubens- und Gewissenfreiheit beziehungsweise die Allgemeine Handlungsfreiheit geschützt ist, sind salafistische Koran-Verteilungsaktionen per se nicht verboten – solange die Veranstalter und Teilnehmer nicht gegen rechtliche Vorschriften oder Auflagen der Ordnungsbehörden verstoßen.
Seit 15. November 2016 ist jedoch das bundesweite Koran-Verteilprojekt „LIES!“ (PDF) in Deutschland verboten, weil Organisatoren und Betreiber der „LIES!“-Aktionen (PDF) das Verteilen von Koranen nutzten, um salafistische Propaganda zu betreiben und neue Anhänger zu rekrutieren.


Beratung & Hilfestellung

In unserer Stadt werben Salafisten. Wie schütze ich mein Kind?

Salafisten schneiden ihre Propaganda gezielt auf junge Menschen zu, die nach Orientierung und Anerkennung suchen. Salafisten geben vor, die einzige absolute Wahrheit zu leben. Durch das Schwarz-Weiß-Denken mit strengen Verboten und Geboten muss der Betroffene nicht mehr selbst entscheiden. Salafisten vermitteln ihren Anhängern das Gefühl, Teil einer starken Gemeinschaft zu sein. Wer Jugendlichen ein offenes Ohr schenkt, ihre Gedanken und Sorgen ernst nimmt, stärkt sie gegen extremistische Propaganda. Viele Projekte und Beratungsstellen in Bayern bieten Unterstützung bei der Prävention von Kindern und Jugendlichen.

Meine beste Freundin chattet mit einem IS-Kämpfer. Was soll ich tun?

Nicht nur manche Jungs fühlen sich vom Salafismus angezogen, sondern auch Mädchen. In den IS-Kämpfern sehen sie oft coole Helden. Mit der romantischen Idee einer erfüllenden Ehe mit aufrechten muslimischen Ehemännern und heldenhaften Märtyrern versucht der IS, auch Mädchen und junge Frauen zu erreichen. Die Kommunikation in sozialen Netzwerken spielt bei der Beeinflussung junger Frauen und Mädchen eine entscheidende Rolle. Über soziale Netzwerke werden idealisierte Berichte über den Alltag in den Jihad-Gebieten verbreitet. So soll Mädchen und jungen Frauen das Leben im „Islamischen Staat“ schmackhaft gemacht werden. Wie widersprüchlich Wunschvorstellung und Realität in den Jihad-Gebieten sind, wird oft erst vor Ort erkannt.
Hier finden Sie Hilfe und Beratung, wenn jemand aus Ihrem Umfeld Kontakt zu Salafisten aufnimmt.

Wo bekomme ich eine vertrauliche und anonyme Beratung oder Auskunft?

Hier finden Sie vertrauliche bzw. anonyme Beratung oder Hilfe.

Was soll ich tun, wenn ich in einer Moschee merkwürdige Inhalte höre?

Die Sicherheitsbehörden in Bayern gehen allen Hinweisen auf salafistische Tätigkeiten konsequent nach.
Bei Verdachtsfällen wenden Sie sich bitte an:

Bayerisches Landesamt für Verfassungsschutz (LfV)
Knorrstraße 139
80937 München
Telefon: (089) 3120 14 80
E-Mail schreiben

In dringenden Fällen kontaktieren Sie bitte die nächste Polizeidienststelle unter 110!

 

Wie erreiche ich Betroffene, wenn sie eine Beratung ablehnen?

Grundsätzlich müssen Betroffene für eine erfolgreiche Deradikalisierung freiwillig mitwirken. Ohne den Willen, sich vom extremistischen Gedankengut abzuwenden, kann eine Beratung nicht erfolgreich sein. Wenn ein Mensch mit radikalem Gedankengut also kein Interesse an einer Deradikalisierung zeigt, kann diese auch nicht durchgeführt werden. Trotzdem könnte dieser Mensch zu einem späteren Zeitpunkt offen für eine Deradikalisierung sein. Deshalb schließt das Kompetenzzentrum für Deradikalisierung Vorgänge, die aktuell nicht erfolgreich waren, nicht dauerhaft ab. Es prüft in regelmäßigen Abständen mögliche neue Entwicklungen.


Extremismus & Deradikalisierung

Was hat Salafismus mit Extremismus zu tun? Warum werden Salafisten vom Verfassungsschutz beobachtet?

Das Grundgesetz begründet eine freiheitliche demokratische Grundordnung, die jegliche Gewalt- und Willkürherrschaft ausschließt. Zu den grundlegenden Prinzipien dieser Ordnung gehören nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts folgende Punkte:

  • Achtung vor den im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechten, insbesondere vor dem Recht der Persönlichkeit auf Leben und freie Entfaltung
  • Volkssouveränität
  • Gewaltenteilung
  • Verantwortlichkeit der Regierung
  • Gesetzmäßigkeit der Verwaltung
  • Unabhängigkeit der Gerichte
  • Mehrparteienprinzip
  • Chancengleichheit für alle politischen Parteien mit dem Recht auf verfassungsmäßige Bildung und Ausübung einer Opposition

Eine Organisation oder Gruppierung, die mindestens eines dieser Prinzipien bekämpft, ist verfassungsfeindlich bzw. extremistisch.

Salafisten lehnen weltliche Gesetze und die Werte westlicher Gesellschafts- und Herrschaftssysteme als unislamisch und unterlegen kategorisch ab. Sie orientieren sich kompromisslos an der islamischen Frühzeit vor 1.400 Jahren und befürworten frühislamische Herrschafts- und Gesellschaftsformen. Dies führt zur Ablehnung der als wesensfremd empfundenen Gesellschaft und ihrer demokratischen Werte. Vor allem die von salafistischen Akteuren in Deutschland propagierte Einheit von Religion und Staat und der ebenfalls erhobene absolute Geltungsanspruch der islamischen Rechtsordnung (Scharia) machen deutlich, dass salafistische Auffassungen Geltung für sämtliche Lebensbereiche beanspruchen.

Körperstrafen wie das Abhacken von Gliedmaßen, das Auspeitschen oder die Todesstrafe auf den Abfall vom Islam widersprechen der Unantastbarkeit der Würde des Menschen und der Religionsfreiheit.

Die ideologischen Grundsätze des Salafismus sind somit unvereinbar mit den im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankerten Prinzipien – insbesondere der Demokratie, des Rechtsstaats und einer auf der Menschenwürde basierenden politischen Ordnung.

Was macht das Kompetenzzentrum für Deradikalisierung genau?

Das Kompetenzzentrum für Deradikalisierung untersucht und bewertet Sachverhalte mit Blick auf eine mögliche Radikalisierung. Es klärt, ob ein Radikalisierungsfall sicherheitsrelevant sind: Besteht eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit? Dazu bindet das Kompetenzzentrum weitere Behörden ein. In Fällen mit Sicherheitsbezug koordiniert das Kompetenzzentrum Maßnahmen zur Intervention und Deradikalisierung. Zudem berät es zum weiteren Vorgehen in konkreten Fällen von Deradikalisierung und arbeitet dabei eng mit seinem Partner Violence Prevention Network (VPN) zusammen. Schließlich werden auch Behörden und öffentliche Stellen im Bereich der Aus- und Fortbildung zum Themenfeld Deradikalisierung unterstützt.

Was ist ein „sicherheitsrelevanter Fall“?

Ein sogenannter sicherheitsrelevanter Fall liegt dann vor, wenn von einer Gefahr für die öffentliche Sicherheit durch einen Radikalisierten oder einer Eigengefährdung des Betroffenen auszugehen ist. In einem solchen Fall gibt es z. B. Anhaltspunkte für eine Ausreise in ein Kriegsgebiet mit dem Ziel, sich an Kampfhandlungen zu beteiligen oder den sogenannten Islamischen Staat zu unterstützen.

Kompetenzzentrum für Deradikalisierung: ein Praxisbeispiel bitte!

Das Kompetenzzentrum für Deradikalisierung erhält Meldungen über Personen mit den verschiedensten Lebensgeschichten, Bildungskarrieren, Zuwanderungsgeschichten und Radikalisierungsgraden.

So geht z. B. von einer Schule die Mitteilung über den 17-jährigen Mesud* ein. Seine Eltern waren aus Bosnien nach Deutschland gekommen. Er äußert Sympathien für den IS, lässt sich deshalb einen Bart wachsen und zeigt sich als „Fan“ salafistischer Prediger in Deutschland. Er singt auf dem Schulhof Koransuren und verherrlicht den IS. Darüber hinaus unterhält er Kontakte in die örtliche Salafisten-Szene.


Das Kompetenzzentrum für Deradikalisierung untersucht den Sachverhalt. Dann entwickelt es zusammen mit dem Vertragspartner Violence Prevention Network (VPN) eine passende Strategie für eine Deradikalisierung und koordiniert die nötigen Maßnahmen. Gleichzeitig bindet das Kompetenzzentrum in einem solchen sicherheitsrelevanten Fall die zuständigen kriminalpolizeilichen Dienststellen ein, um eine mögliche Strafverfolgung sicherzustellen.

In einem ähnlichen Fall stellt sich heraus, dass der Betroffene niemanden aus der salafistischen Szene kennt. Er beherrscht nur Koransuren aus der Heimat seiner Eltern, so wie Christen auch das „Vaterunser“ aufsagen können. Gerüchte über ihn in Bezug zum Salafismus entstanden, weil er sich in der Syrien-Thematik gut auskennt. Ein Mitschüler hatte ihn deshalb scherzhaft als „Salafist“ und „IS-Kämpfer“ bezeichnet. Statt mit dem IS zu liebäugeln, fühlt der Jugendliche sich als Deutscher und integrierter Bürger. Er überlegt sogar, selbst einmal nach Abschluss des Abiturs bei der Polizei zu arbeiten.

Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig die Analyse von vermeintlich sicherheitsrelevanten Sachverhalten insbesondere durch das Kompetenzzentrum für Deradikalisierung ist. Erst nach einer professionellen Bewertung in jedem Einzelfall kann eine erfolgreiche, passgenaue Beratung beim Betroffenen oder Angehörigen folgen.

* Persönliche Daten wurden geändert.

Ich möchte mich beim Kompetenzzentrum für Deradikalisierung beraten lassen. Muss ich meinen Namen nennen, wenn ich dort anrufe?

Grundsätzlich können Sie dem Kompetenzzentrum für Deradikalisierung im Erstgespräch Sachverhalte schildern, ohne Ihren Namen zu nennen bzw. konkrete Angaben zum Betroffenen zu machen. Als Alternative dazu können Sie sich auch bei der Beratungsstelle Bayern – Violence Prevention Network beraten lassen und dort Ihr Anliegen anonym weitergeben.

Wird die Teilnahme an einer Deradikalisierungsberatung ins „Führungszeugnis“ eingetragen?

Radikalisierung allein stellt keine Straftat dar. Im Bundeszentralregister (umgangssprachlich auch „Führungszeugnis“ genannt) werden nur rechtskräftige Verurteilungen ab 90 Tagessätzen gespeichert. Deshalb erhält ein Teilnehmer einer Deradikalisierung auch keinen Eintrag ins „Führungszeugnis“.

Beobachtet der Verfassungsschutz Muslime bzw. den Islam?

Nein! Der Islam als Religion und seine Ausübung werden nicht vom Verfassungsschutz beobachtet. Glaube und religiöse Praxis der Muslime sind durch das in Art. 4 des Grundgesetzes (GG) verbriefte Recht auf Religionsfreiheit geschützt.
Dem gesetzlichen Beobachtungsauftrag des Verfassungsschutzes unterliegen nur islamisch-extremistische (kurz: islamistische) – d. h. religiös-politisch motivierte – Organisationen und Einzelpersonen mit verfassungsfeindlichen Bestrebungen.


Für Lehrkräfte und Fachkräfte

Ein Schüler redet öfters vom Jihad. Reine Provokation – oder mehr?

Provokative Aussagen von Schülerinnen und Schülern über den Jihad müssen nicht zwangsläufig Ausdruck einer salafistischen Radikalisierung sein. Hier gilt es, zunächst genauer hinzuschauen, zuzuhören und das Gespräch zu suchen. Schülerinnen und Schüler sollten in diesem Fall nicht alleine gelassen werden. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie im pädagogischen Umgang mit solchen Situationen Unterstützung benötigen, oder wenn Sie Anzeichen einer tatsächlichen Radikalisierung feststellen, bietet Ihnen unser Netzwerk Hilfe und Beratung an.
Fachleute von ufuq.de haben Handreichungen für den Unterricht und ein „Rezept für alle Fälle“ entwickelt. Interessante Lektüre (nicht nur) für Lehrkräfte. Lesen Sie mehr zu Prävention in der Schule.

Sind Ablehnung von Vielfalt und Abwertung anderer ein Zeichen für den Salafismus?

Die Ablehnung von Vielfalt – religiöser, kultureller, politischer oder lebensweltlicher – ist ein wichtiges Merkmal aller islamistischen Strömungen. Pluralismus und unterschiedliche Einstellungen sowie Denk- und Lebensweisen sind für diese Ausdruck der Abweichung vom wahren Glauben und eine Gefahr für die Einheit. Das äußert sich in der kategorischen Ablehnung anderer Ansichten (meist zunächst derjenigen anderer Muslim/innen), die als falsch, böse, unislamisch, unmoralisch und sündhaft abgewertet und denunziert werden.

Wenn Jugendliche entsprechende Positionen formulieren, kann das demnach ein Hinweis auf salafistische Ideologisierung sein. Pädagogik sollte aber das Bedürfnis Jugendlicher nach Abgrenzung und Orientierung (auch religiöser) positiv und lebensweltnah aufgreifen („Wie wollen wir miteinander leben?“ (PDF)). Oft handelt es sich dabei um Reaktionen auf Erfahrungen von Nichtzugehörigkeit. „Übertriebene“ Reaktionen darauf und deren negative Folgen (z. B. auch „national“ begründete Selbstethnifizierungen und Gruppenbildungen) sollten in diesem Zuge aber ebenso reflektiert werden („Wenn Du nicht willst, was man Dir tut …“). Quelle: ufuq.de >> Weitere Infos

Warum lehnt der Salafismus Demokratie und Menschenrechte ab?

In islamistischen Ideologien geht es nicht um legitime Kritik an einzelnen gesellschaftlichen Erscheinungen oder politischen Entscheidungen, sondern um eine generelle Ablehnung der Idee, dass „alle Macht vom Volke ausgeht“. Für Islamist/innen ist Gott allein der Souverän, „menschengemachte“ Gesetze sind Blasphemie, weil sie Gottes vermeintlich eindeutigen Willen infrage stellen.

Unter Jugendlichen – muslimischen wie nicht-muslimischen – ist Skepsis gegenüber der Demokratie aber aus anderen Gründen verbreitet: So hat vor allem internationale Politik Demokratie und Menschenrechte in Verruf gebracht: „Mit euren Menschenrechten kommt ihr immer“, sagen viele, „wenn es eigentlich um Macht und Öl geht.“ Damit einher geht oft auch ein auf Wählen und Regieren (= „Herrschen“) verkürztes Demokratieverständnis: „Da fordern die Politiker immer Demokratie, aber wenn dann die Hamas gewinnt, ist es auch wieder nicht richtig.“

In der Pädagogik sollten zunächst die legitime Skepsis und die Erfahrungen von Jugendlichen ernst genommen werden und Raum bekommen. Im Anschluss können sie sich darüber Gedanken machen, wie das gesellschaftliche Zusammenleben von Menschen mit ihren unterschiedlichen Interessen (z. B. unterschiedlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit) gestaltet werden kann. Quelle: ufuq.de >> Weitere Infos

Eine Schülerin trägt auf einmal ein Kopftuch – wie soll ich damit umgehen?

Symbole, Kleidung und andere äußerlich erkennbare Merkmale dienen Jugendlichen typischerweise zur Markierung von Identität und Zugehörigkeit. So ist das Kopftuch, das ca. ein Fünftel der Musliminnen zwischen 16 und 25 tragen, für viele von ihnen wichtiger und selbstverständlicher Aspekt ihres Glaubens. Diese Merkmale können aber auch zum Ausdruck von Ideologisierungen werden – neben dem Kopftuch gilt das etwa für traditionelle Kleidung (etwa Jalabiyya), den Bartwuchs, aber auch für Alkohol- oder Schweinefleischverbot. Für Salafist/innen markieren sie in besonderer Weise die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der wahren Gläubigen und dienen ihnen nicht zuletzt zur Abgrenzung von einer als „ungläubig“ und unmoralisch abgewerteten Umwelt.

Ganz ähnlich verhält es sich mit Ritualen, wie sie in den meisten Religionen eine wichtige Rolle spielen. Das Fasten etwa ist vor allem ein Gemeinschaftserlebnis und spielt gerade für Kinder und Jugendliche eine große Rolle, weil es eine Art Initiation markiert. Im Salafismus dienen Rituale – ähnlich wie religiöse Kleidung und Symbole – allerdings vor allem dazu, das Besondere herauszustellen, Unterschiede zu markieren und sich von anderen abzugrenzen. Rituale werden von ihnen überhöht und ihre Einhaltung unreflektiert eingefordert. Eine strikte Befolgung gilt als Beleg dafür, dass man den „wahren Glauben“ tatsächlich lebt. Ebenso kann der intensive Gebrauch von religiösen Floskeln in der Sprache sowohl Ausdruck legitimer Suchbewegungen von Jugendlichen sein als auch der gruppenbildenden Abgrenzung dienen und Abwertung von anderen zur Folge haben.

In der pädagogischen Arbeit ginge es also nicht etwa darum, religiöse Symbole, Rituale oder den Sprachgebrauch infrage zu stellen – wohl aber, die Jugendlichen (und nicht nur die muslimischen!) zum Nachdenken über deren Sinn, Bedeutungen und Funktionen anzuregen. Quelle: ufuq.de >> Weitere Infos


Salafisten in Gefängnissen

Wie groß ist die Gefahr einer Radikalisierung durch Salafisten in Gefängnissen?

Die Gefahr einer salafistischen bzw. islamistischen Radikalisierung ist im Gefängnis nicht größer als in Freiheit. Es handelt sich im bayerischen Justizvollzug auch nicht um ein Massenphänomen. Derzeit liegt die Anzahl der Personen, die im bayerischen Justizvollzug mit salafistischen bzw. islamistischen Bezügen aufgefallen sind, im niedrigen zweistelligen Bereich. In der Regel haben sie sich aber nicht im Gefängnis radikalisiert, sondern überwiegend vor ihrer Inhaftierung. Entsprechend ist die Bekämpfung der salafistischen bzw. islamistischen Radikalisierung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und beschränkt sich nicht nur auf den Bereich des Justizvollzugs.

Gibt es salafistische Netzwerke in Gefängnissen?

In der Vergangenheit gab es einzelne Versuche, netzwerkähnliche Strukturen aufzubauen. Allerdings konnten sich diese aufgrund der konsequenten Maßnahmen des bayerischen Justizvollzugs nicht verfestigen. Hierfür werden in jedem Einzelfall alle justizvollzugsrechtlichen Möglichkeiten konsequent geprüft und entsprechend umgesetzt.

Wie erfolgt Deradikalisierung im Gefängnis?

Gemeinsam mit Ansprechpartnern des Kompetenzzentrums für Deradikalisierung des Bayerischen Landeskriminalamts und des zivilgesellschaftlichen Partners „Violence Prevention Network – VPN" werden Möglichkeiten der Deradikalisierung im bayerischen Justizvollzug umfangreich geprüft.

Die Betreuungs- und Behandlungsangebote des bayerischen Justizvollzugs, die eine Deradikalisierung unterstützen können, werden dabei individuell auf den zu deradikalisierenden Gefangenen angepasst und umgesetzt.

Der Erfolg solcher Maßnahmen steht und fällt jedoch immer mit der Bereitschaft des betroffenen Gefangenen, sich an diesen Betreuungs- und Behandlungsangeboten zu beteiligen.

Ein Zwang zur Deradikalisierung lässt sich naturgemäß staatlicherseits nicht durchsetzen. Die bayerischen Justizvollzugsanstalten stehen daher in einem engen Austausch mit den Sicherheitsbehörden. So können in Fällen, in denen nicht erfolgreich deradikalisiert werden kann, mögliche Sicherheitsrisiken gemeinsam erörtert werden.

Was sind die Aufgaben der ZKS für Maßnahmen gegen Salafismus/Islamismus im Justizvollzug?

Die Zentrale Koordinierungsstelle (ZKS) für Maßnahmen gegen Salafismus/Islamismus im Justizvollzug wurde im Bayerischen Staatsministerium der Justiz zum 1. Dezember 2015 eingerichtet und wird von einer Islamwissenschaftlerin geleitet. Zu ihren Aufgaben zählen u. a.:

  • Fortschreibung von Handlungsstrategien für den Justizvollzug im Umgang mit sich radikalisierenden oder bereits radikalisierten Gefangenen
  • Koordinierung bei salafistischen bzw. islamistischen Verdachtsfällen im Justizvollzug
  • Extremismusprävention durch allgemeine Fortbildung der Bediensteten und fachliche Unterstützung der Justizvollzugsanstalten
  • Fachliche Begleitung und Unterstützung des Ausbaus der muslimischen Gefangenenseelsorge
  • Verdichtung der Zusammenarbeit mit anderen Sicherheitsbehörden

Erfahrungsgemäß sind die Ursachen für das Abgleiten in den Extremismus bei Islamisten und Rechts- bzw. Linksextremisten oftmals die gleichen. Auch bei Radikalisierungsverläufen bestehen Parallelen. Deswegen unterliegt der Zentralen Koordinierungsstelle von Anfang an auch der Gesamtkomplex „Bekämpfung von Rechtsextremismus im Justizvollzug“.

Ziele sind (ähnlich wie für den Bereich des Islamismus bzw. Salafismus):

  • Handlungsstrategien im Umgang mit sich radikalisierenden oder bereits radikalisierten Gefangenen fortzuschreiben und
  • für rechtsextremistische Gefangene bestehende Maßnahmen fortzuentwickeln bzw. neue Maßnahmen zu implementieren
Steht die Zentrale Koordinierungsstelle für Maßnahmen gegen Salafismus/Islamismus im Justizvollzug in direktem Kontakt mit Gefangenen?

Die Zentrale Koordinierungsstelle für Maßnahmen gegen Salafismus/Islamismus im Justizvollzug steht hauptsächlich den bayerischen Justizvollzugsanstalten als Ansprechpartner zur Verfügung.

Welche Rolle spielen muslimische Seelsorger für die Deradikalisierung im Gefängnis?

Eine mögliche Radikalisierung ist von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängig. Auf der Suche nach Halt im Leben kann Religion eine Orientierung bieten – auch im Justizvollzug.

Islamisten bzw. Salafisten versuchen solche Momente auch im Gefängnis für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Sie versuchen, über religiöse Belange Zugang zu einem Gefangenen zu erhalten, um diesem dann zunehmend islamistisches bzw. salafistisches Gedankengut zu vermitteln.

Umso wichtiger ist es daher, Gefangenen, die sich für Religion interessieren, eine professionelle religiöse Unterstützung ohne ideologische Einfärbung anzubieten. Eine solche Unterstützung kann von geeigneten muslimischen Seelsorgern ausgehen. Der Ausbau der muslimischen Seelsorge in bayerischen Justizvollzugsanstalten ist deshalb ein wesentlicher Teil der Salafismus-Prävention und Salafismus-Bekämpfung des Justizvollzugs in Bayern.